• Drohne fliegt über Ausgrabung

Aus den Feuern der Synagoge

Archäologische Untersuchungen an der Synagoge in Leer

Während der Novemberpogrome gegen die deutschen Juden vom 9. auf den 10. November 1938 wurde auch die Synagoge der jüdischen Gemeinde Leer an der Heisfelder Straße von den Nationalsozialisten niedergebrannt. Es handelte sich um einen prächtigen Kuppelbau im maurischen Baustil, der im Jahre 1885 fertig gestellt worden war. In Stadtbeschreibungen wurde er als eines der Gebäude vorgestellt, die man in Leer unbedingt gesehen haben musste. An die Synagoge war rückwärtig die Wohnung des Vorsängers (Chasan/Kantor) angebaut. 1938 war dies Josef Wolffs, der hier mit seiner Frau Ida lebte. Nach den noch vorliegenden Bauplänen befanden sich hier auch ein Heizungskeller und das rituelle Tauchbad. Quellen aus dem Archiv der Stadt Leer aus der Zeit des Brandes enthalten eine Reihe von Hinweisen auf die mögliche Erhaltung von Überresten im Untergrund. Die Synagoge soll vollunterkellert und mit einem Kappengewölbe aus Doppel-T-Trägern und Backsteinkappen errichtet worden sein. Durch Kellerfenster drang Licht ein.

Die Synagoge zu Leer bot einen imposanten Anblick (Foto: Nachlass A. Wehn/Ostfriesische Landschaft).

In der Pogromnacht wurden zunächst Ida und Josef Wolffs gewaltsam aus den Betten geholt. Anschließend verwüstete die SA die Wohnung und schleppte die Möbel auf die Straße. Es wird berichtet, der Bürgermeister Erich Drescher persönlich habe mit einer Fackel die Vorhänge in der Synagoge angezündet. Als oberster Befehlshaber von Polizei und Feuerwehr verhinderte er deren Eingreifen. Der Brand soll zudem verstärkt worden sein, indem der Dachstuhl mit einem Brandbeschleuniger (Benzin?) begossen wurde. Das Feuer wurde nicht nur nicht gelöscht, sondern soll sogar noch durch das Hineinwerfen von Möbeln in Gang gehalten worden sein. Nur der Funkenflug auf die benachbarten Häuser, deren Besitzer nicht jüdisch waren, wurde durch die Feuerwehr verhindert. Erst in den Morgenstunden wurde der Brand abgelöscht. Die im Nordosten gelegene Wohnung des Kantors/Vorsängers Josef Wolffs war durch das Feuer kaum zerstört, diese wurde erst durch den späteren Abriss niedergelegt. Schließlich blieb der Keller durch den Abriss verschont, da er zum Luftschutzraum umgebaut werden sollte.

Unmittelbar danach, am 15. November 1938 erfolgte die Abrissverfügung für die Synagoge durch den Regierungspräsidenten, wobei man vorsorglich das Grundstück enteignete als Sicherheit für die Kosten des Abrisses, die der jüdischen Gemeinde in Rechnung gestellt wurde. Der Abriss erfolgte innerhalb eines Monats bis zum 20. Dezember 1938. In der Abrissverfügung ist nochmals ein „Keller“ erwähnt, der explizit von den Abbruchmaßnahmen ausgenommen worden ist, um später als Luftschutzraum zu dienen. Dieser Ausbau ist jedoch nicht erfolgt. 1940 wurde das Gelände an den Besitzer der benachbarten Tankstelle Johann Eidtmann verkauft – zufällig an den Brandmeister der Leeraner Feuerwehr, die die Synagoge nicht hat löschen dürfen. Bis in die 1960er Jahre lag das Gelände brach bzw. wurde als Gartenland genutzt. 1963 erfolgte die bis heute aktuelle Bebauung mit einer Autowerkstatt und einer dahinter gelegenen Waschhalle für Fahrzeuge durch die Eidtmann GmbH. Seit 2010 liegt das Gelände brach und wartet auf eine neue Bestimmung.

Als oberster Befehlshaber organisierte Bürgermeister Emil Drescher den Abtransport der jüdischen Männer Leers über Oldenburg in das Konzentrationslager Sachsenhausen. Josef Wolffs kehrte aus dem Konzentrationslager nochmals nach Leer zurück und wohnte dann im Haus der Familie Mergentheim im Reformierten Schulgang 1. Ernsthafte Versuche nach Palästina auswandern waren nicht mehr von Erfolg gekrönt. Am 5.3.1940 wurden Ida und Josef Wolffs nach Berlin deportiert. Sie wurden im Ghetto und Konzentrationslager Riga im September 1942 ermordet.

Aus der Zeit des Baus der Werkstatt und Waschhalle liegen widersprüchliche mündliche Aussagen vor, so dass über den Erhalt von Überesten der Synagoge im Boden nur spekuliert werden konnte. So soll der damalige Baggerfahrer berichtet haben, 1963 sei dort alles entfernt und mit Sand aufgefüllt worden. Dem Sohn des Architekten Meinders zufolge seien beim Bau der Keller und das „Taufbecken“ (Anm.: vermutlich ist das rituelle Tauchbad gemeint) gefunden worden. Der Keller sei noch intakt! Zahlreiche Funde wie das „Taufbecken seien in den Keller gelegt und in gelben Sand eingebettet worden“. Es sei nicht alles zerstört worden, sondern befinde sich im Sand. Zum Bauwerk noch zuweisbare Überreste sind einzelne rote und anthrazitfarbene Fliesen, die aus dem Ritualbad stammen sollen. Sie befinden sich heute im Bestand der Gedenk- und Begegnungsstätte „Ehemalige jüdische Schule Leer“. Es handelt sich um Baukeramik des Herstellers Utzschneider & Ed(oard) Jaunez. Der Hersteller die „Thonwaarenfabrik Utzschneider & Ed. Jaunez“ in Saargemünd/Lothringen (franz.: Sarreguemines), stellte zwischen 1865 und 1921 ebendiese Baukeramik her.

Fundamente der Synagoge während der Freilegung (Foto: J. F. Kegler/Ostfriesische Landschaft).

2020 konkretisieren sich die Überlegungen für eine Neubebauung des Geländes. Ein Konsortium aus Investoren und Grundstückseigentümern legten eine Planung für einen Wohn- und Geschäftshauskomplex vor, der auch den Standort der ehemaligen Synagoge betrifft. Die Bauherren wie auch die Stadt Leer sind sich bewusst, dass mit diesem Baugrundsensibel umgegangen werden muss. Gemeinsam mit dem Archäologischen Dienst der Ostfriesischen Landschaft wurde deshalb eine Vorabuntersuchung auf dem Gelände der ehemaligen Synagoge verabredet.

In Schnitt 2 sind gut die noch vorhandenen Treppen und Mauern mit Putzresten erkennbar (Foto: A. Prussat/Ostfriesische Landschaft).

Zwischen Werkstatt und Waschhalle und direkt neben der Waschhalle wurden mit einem Bagger zwei kleinere Suchschnitte geöffnet. Im ersten Schnitt wurden unter modernen Füllsandschichten der Bauschutt des Abrisses der Synagoge entdeckt. Ihm folgt ein gut 10 cm mächtiger Brandhorizont aus Asche und Holzkohle, der wiederum auf Bauschutt aufliegt, der aus der Bauphase der Synagoge stammt. Ebenfalls aufgedeckt wurde das gut 60 cm breite Backsteinfundament der nördlichen Außenmauer. Es sind also sehr wohl Überreste der ehemaligen Synagoge im Boden verblieben. Ab einer gewissen Tiefe ist flächig mit dem Abbruchhorizont der Synagoge zu rechnen. Sie liegt – in durch nachfolgende Bebauung ungestörten Bereichen – unmittelbar der Brandschicht aus der Nacht vom 9. auf den 10. November 1938 auf. Diese liegt wiederum unmittelbar auf den Resten aus der Zeit der Errichtung der Synagoge. Vermutlich bestand der Fußboden im Innenraum aus einem Holzdielenboden, dessen Überreste sich mit weiteren Brandresten aus dem Innenraum in der Brandschicht vereinen. Ihnen liegt der Abrisshorizont der Synagoge unmittelbar auf. Ein durchgehender Keller konnte hier also nicht nachgewiesen werden.

Porzellan, Glas, ein Kamm, der Fuß einer Porzellanpuppe: Alltägliche Gegenstände aus dem Abrissschutt der Synagoge: Zeugnisse des Schreckens (Foto: J. F. Kegler/Ostfriesische Landschaft).

Bisher ebenfalls unbekannt war, ob auch Baureste in situ im Boden verblieben waren. Anhand des zweiten Suchschnittes kann dies nun ebenfalls bejaht werden. Analog zu einem Bauplan aus dem Jahr 1907 für den Anschluss der Synagoge an die Abwasserleitung in der Heisfelder Straße konnte ein Eingangsbereich in ein Tiefparterre freigelegt werden. Laut Bauplan befand sich hier der Eingang in die Küche, den Heizungskeller und über eine außen liegende Treppe in eine Wohnstube im Obergeschoss nach Süden. Vier erhaltene Stufen führten hinab in einen kleinen Vorraum von 1,60 x 1,40 m Größe, der vollständig mit Zementestrich ausgestrichen war. Der Estrich zeigte massive Einwirkungen großer Hitze. An den aufragenden Resten des Mauerwerks waren noch Reste eines einfachen Wandverputzes erhalten. Im Boden waren noch die Aussparungen für die hölzernen Türzargen zu erkennen. Der Zementestrich zieht nach Westen und Süden unter eine Betonplatte, die als Zufahrt in die spätere Waschhalle gedient hat. Laut Bauplan wäre hier damit zu rechnen, dass weitere Einbauten der Synagoge unterhalb der Betonplatte, darunter Flure, das rituelle Tauchbad und Treppenauf- bzw. abgänge noch teilweise intakt im Boden erhalten sind.

Der Baubefund war durch eine mächtige, teilweise bis zu 0,80 m mächtige Schicht aus Brand- und Bauschutt verfüllt. In diesem durch Asche rötlich-braun gefärbten Gemenge konnten große Mengen an Funden geborgen werden. Es handelt sich um Bau- und Möbelbeschläge, wenige Bruchstücke von Porzellan und zumeist Keramikscherben. Sie waren vermengt mit Baukeramik, darunter Fliesenfragmente aus der oben genannten Manufaktur Utzschneider & Ed. Jaunez, Übereste einer Porzellanpuppe, Gebrauchs- und Fensterglas, Metallreste von Kochgeschirr, Metallteile eines Fahrrades wie ein Fahrradsattel, etc. Vermutlich handelt es sich dabei um Privatgegenstände aus der Wohnung von Ida und Josef Wolffs. Bei den Porzellanbruchstücken handelt es sich um die Überreste von Teegeschirr unterschiedlicher Hersteller wie Bavaria oder Villeroy und Boch. Als Gebrauchskeramik liegen zahlreiche weiße Steingutgefäße vor. Hier sind größeren Kummen oder Waschschalen, Teekannen und Schalen zu nennen. Die gefundenen Gegenstände sind nicht von denen aus einem anderen, zeitgleichen Geschirrschrank zu unterscheiden. Es finden sich keine Hinweise auf ein gehobenes Formenspektrum, das Schlüsse auf einen besonderen Wohlstand der Familie Wolffs zuließe. Vielmehr sind verschiedene Geschirre und Dekore auf den Scherben vermischt. Das Material zeigt damit eine Momentaufnahme eines städtischen Haushaltes der 1930 Jahre. Erschreckend deutlich wird vielmehr, dass hier eine einfache Familie aus rassistischen und politisch ideologischen Gründen von einem Moment zum anderen aus ihrem Leben gerissen wurde.

Anhand eines Fundstücks lässt sich in der Archäologie nur im seltenen Einzelfall auf die Herkunft, das Selbstverständnis, Geschlecht oder Religion der ehemaligen Eigentümer schließen. Nur ausnahmsweise gelingt – in Verbindung mit historischen Quellen, wie im geschilderten Fall der Synagoge in Leer – die Zuweisung zu einer bestimmten Personengruppe. Eine Teetasse bleibt aber weiterhin eine Teetasse, und ohne den geschichtlichen Kontext wäre sie nur ein Fundstück des zwanzigsten Jahrhunderts.

(Text: Jan F. Kegler)

 

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